IFRS vs. HGB: Die wichtigsten Unterschiede im Überblick

Autor:Lisa
Entdecke die wichtigsten Unterschiede zwischen IFRS vs. HGB und erfahre, welches Rechnungslegungssystem für dein Unternehmen geeignet ist.
IFRS vs. HGB: Die wichtigsten Unterschiede im Überblick

Das Wichtigste in Kürze

  • Das HGB basiert auf dem Vorsichtsprinzip und Gläubigerschutz mit konservativer Bewertung, während IFRS einen kapitalmarktorientierten Ansatz mit Fair-Value-Bewertungen verfolgt.
  • Kapitalmarktorientierte Unternehmen in der EU müssen IFRS anwenden, während nicht-börsennotierte Unternehmen ein Wahlrecht zwischen HGB und IFRS haben.
  • IFRS-Abschlüsse zeigen oft höhere aber volatilere Gewinne mit umfangreicheren Angabepflichten, während HGB-Abschlüsse stabilere Ergebnisse mit fokussierten Informationen liefern.

Stell dir vor, du stehst vor der Wahl zwischen zwei völlig unterschiedlichen Sprachen für die Finanzberichterstattung – eine deutsche und eine internationale. Diese Entscheidung treffen Unternehmen täglich, wenn sie zwischen dem Handelsgesetzbuch (HGB) und den International Financial Reporting Standards (IFRS) wählen müssen. Beide Rechnungslegungsstandards verfolgen das gleiche Ziel: Transparenz und Vergleichbarkeit von Unternehmensdaten schaffen. Doch die Wege dorthin könnten unterschiedlicher nicht sein. Welche konkreten Unterschiede bestehen zwischen diesen beiden Systemen? Warum bevorzugen manche Unternehmen IFRS, während andere beim HGB bleiben? Und welche Auswirkungen haben diese Entscheidungen auf die Bilanzierung und Gewinnermittlung?

Mehr Übungen und Lernkarten findest du hier: https://www.wiwi-lernkarten.de/kurse

Was sind die grundlegenden Philosophien hinter HGB und IFRS?

Das deutsche Handelsgesetzbuch basiert auf dem Vorsichtsprinzip und dem Gläubigerschutz. Diese traditionsreiche Philosophie zielt darauf ab, Gewinne erst dann auszuweisen, wenn sie tatsächlich realisiert sind, während Verluste bereits bei ihrer Erkennbarkeit berücksichtigt werden müssen. Das HGB folgt damit einem eher konservativen Ansatz der Rechnungslegung.

Die International Financial Reporting Standards verfolgen hingegen einen kapitalmarktorientierten Ansatz. Hier steht die Entscheidungsnützlichkeit für Investoren im Vordergrund. IFRS zielen darauf ab, den "fair value" – also den beizulegenden Zeitwert – von Vermögenswerten und Schulden darzustellen.

Merke: HGB = Gläubigerschutz durch Vorsicht | IFRS = Investoreninformation durch Fair Value

Diese unterschiedlichen Grundphilosophien führen zu erheblichen Unterschieden in der praktischen Anwendung. Während das HGB auf bewährte, konservative Bewertungsmethoden setzt, erlauben IFRS flexiblere Bewertungsansätze, die näher am Marktwert liegen.

Welche Unternehmen müssen welche Standards anwenden?

Die Anwendung der Rechnungslegungsstandards ist nicht beliebig wählbar, sondern gesetzlich geregelt. Kapitalmarktorientierte Unternehmen in der EU sind seit 2005 verpflichtet, ihre Konzernabschlüsse nach IFRS zu erstellen. Dies betrifft alle börsennotierten Gesellschaften sowie Unternehmen, die Wertpapiere am regulierten Markt ausgegeben haben.

Für nicht-kapitalmarktorientierte Unternehmen besteht hingegen ein Wahlrecht. Sie können freiwillig IFRS anwenden oder beim HGB bleiben. Viele mittelständische Unternehmen entscheiden sich bewusst für das HGB, da es:

  • Geringere Komplexität aufweist
  • Niedrigere Implementierungskosten verursacht
  • Besser mit dem deutschen Steuersystem harmoniert

Prüfungstipp: In Klausuren wird oft nach der Anwendungspflicht gefragt. Merke dir: Börsennotierte Konzerne = IFRS-Pflicht, andere = Wahlrecht.

Laut einer Studie der Deutschen Bundesbank nutzen etwa 30% der deutschen Konzerne freiwillig IFRS, obwohl keine Börsenpflicht besteht.

Wie unterscheiden sich die Bewertungsansätze konkret?

Anschaffungskosten vs. Fair Value

Der fundamentalste Unterschied liegt in der Bewertungsphilosophie. Das HGB favorisiert das Anschaffungskostenprinzip – Vermögensgegenstände werden grundsätzlich zu ihren historischen Anschaffungs- oder Herstellungskosten bewertet, abzüglich planmäßiger Abschreibungen.

IFRS hingegen verwenden häufig das Fair-Value-Prinzip. Hier werden Vermögenswerte zum beizulegenden Zeitwert bewertet, der dem aktuellen Marktwert entspricht. Dies führt zu einer zeitnäheren, aber auch volatileren Darstellung der Vermögenslage.

BewertungsaspektHGBIFRS
GrundprinzipAnschaffungskostenFair Value (optional)
ImmobilienAnschaffungskosten minus AbschreibungenWahlrecht: Anschaffungskosten oder Fair Value
FinanzinstrumenteNiederstwertprinzipMeist Fair Value
VorräteNiederstwertprinzipNiederstwertprinzip

Goodwill-Behandlung

Ein besonders praxisrelevanter Unterschied zeigt sich bei der Goodwill-Behandlung. Während das HGB eine planmäßige Abschreibung des Geschäfts- oder Firmenwerts über maximal vier Jahre vorschreibt, kennen IFRS keine planmäßige Goodwill-Abschreibung.

Praxisbeispiel: Ein Unternehmen erwirbt einen Konkurrenten für 100 Mio. Euro, der Buchwert beträgt jedoch nur 70 Mio. Euro. Der resultierende Goodwill von 30 Mio. Euro wird nach HGB über vier Jahre abgeschrieben (7,5 Mio. Euro jährlich), nach IFRS bleibt er unverändert in der Bilanz, solange keine Wertminderung eintritt.

Welche Auswirkungen haben die Standards auf Gewinn und Bilanz?

Ergebnisauswirkungen

Die unterschiedlichen Bewertungsansätze führen zu erheblichen Abweichungen im ausgewiesenen Jahresergebnis. IFRS-Abschlüsse zeigen oft höhere, aber auch volatilere Gewinne, da Fair-Value-Bewertungen sowohl positive als auch negative Marktschwankungen sofort erfassen.

Das HGB hingegen führt durch das Vorsichtsprinzip zu geglätteteren Ergebnissen. Unrealisierte Gewinne werden nicht erfasst, während potenzielle Verluste frühzeitig berücksichtigt werden. Dies schafft stille Reserven, die in wirtschaftlich schwierigen Zeiten aufgelöst werden können.

Merke: IFRS = Volatilere, aber aktuellere Ergebnisse | HGB = Stabilere, aber konservativere Ergebnisse

Bilanzstruktur

Die Bilanzstrukturen unterscheiden sich ebenfalls erheblich. IFRS-Bilanzen weisen aufgrund der Fair-Value-Bewertung oft höhere Bilanzsummen aus. Zudem sind bestimmte Positionen nach IFRS bilanzierungsfähig, die nach HGB nicht angesetzt werden dürfen.

Selbst erstellte immaterielle Vermögensgegenstände des Anlagevermögens dürfen nach IFRS unter bestimmten Voraussetzungen aktiviert werden, während das HGB ein Aktivierungsverbot vorsieht. Dies kann zu erheblichen Unterschieden in der Darstellung technologieintensiver Unternehmen führen.

Eine weitere wichtige Lernhilfe für diese komplexen Zusammenhänge bieten strukturierte Übungsaufgaben und Lernkarten, die du hier findest.

Wie sieht es mit Offenlegung und Transparenz aus?

Umfang der Angabepflichten

IFRS verlangen deutlich umfangreichere Angaben im Anhang und Lagebericht. Die Standards zielen darauf ab, Investoren alle relevanten Informationen für ihre Anlageentscheidungen zu liefern. Dies führt zu detaillierteren, aber auch komplexeren Abschlüssen.

Das HGB konzentriert sich auf die wesentlichen Informationen und vermeidet bewusst eine Überfrachtung mit Details. Die Angaben beschränken sich auf das Notwendige für Gläubiger und andere Stakeholder.

Prüfungstipp: IFRS-Abschlüsse umfassen oft über 100 Seiten, HGB-Abschlüsse meist deutlich weniger. Diese Komplexität ist ein häufiges Klausurthema.

Segmentberichterstattung

Ein wesentlicher Unterschied liegt in der Segmentberichterstattung. IFRS 8 verpflichtet kapitalmarktorientierte Unternehmen zur detaillierten Aufschlüsselung ihrer Geschäftsbereiche. Diese Transparenz hilft Investoren, die verschiedenen Unternehmensbereiche zu bewerten.

Das HGB kennt keine vergleichbare Segmentberichterstattung, was die Analyse der Geschäftsentwicklung erschwert, aber auch Wettbewerbsvorteile durch geringere Transparenz schaffen kann.

Was bedeuten die Unterschiede für die Praxis?

Kosten-Nutzen-Betrachtung

Die Implementierung von IFRS verursacht erhebliche Kosten. Unternehmen müssen ihre Mitarbeiter schulen, IT-Systeme anpassen und externe Berater hinzuziehen. Laut Studien der OECD betragen die Umstellungskosten oft mehrere Millionen Euro.

Dem stehen jedoch Vorteile gegenüber:

  • Besserer Zugang zu internationalen Kapitalmärkten
  • Erhöhte Vergleichbarkeit mit internationalen Wettbewerbern
  • Potenzielle Kosteneinsparungen bei internationalen Tochtergesellschaften

Auswirkungen auf die Finanzierung

IFRS-Abschlüsse können die Kreditwürdigkeit beeinflussen. Banken sind mit IFRS-Kennzahlen vertraut und können internationale Vergleiche ziehen. Allerdings können die volatileren IFRS-Ergebnisse auch zu instabileren Kreditratings führen.

Praxisbeispiel: Ein Technologieunternehmen konnte durch IFRS-Bilanzierung seine Entwicklungskosten aktivieren und dadurch eine bessere Eigenkapitalquote ausweisen. Dies verbesserte die Kreditkonditionen erheblich, obwohl sich die wirtschaftliche Lage nicht verändert hatte.

Harmonisierung der Standards

Die Konvergenz zwischen IFRS und nationalen Standards schreitet voran. Auch das deutsche HGB wurde in den letzten Jahren an internationale Standards angenähert, etwa durch das Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz (BilMoG).

Dennoch bleiben fundamentale Unterschiede bestehen. Das International Accounting Standards Board (IASB) arbeitet kontinuierlich an der Weiterentwicklung der IFRS, während das HGB seine bewährten Grundprinzipien beibehält.

Digitalisierung und ESG-Berichterstattung

Die zunehmende Digitalisierung der Rechnungslegung und die wachsende Bedeutung von ESG-Kriterien (Environmental, Social, Governance) werden beide Standards beeinflussen. IFRS sind hier oft Vorreiter bei neuen Berichtspflichten, während das HGB traditionell abwartet und bewährte Ansätze übernimmt.

Merke: IFRS entwickeln sich schneller und umfassen neue Trends früher, HGB bleibt stabiler und bewährter.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Müssen alle deutschen Unternehmen IFRS anwenden?

Nein, nur kapitalmarktorientierte Unternehmen sind zur IFRS-Anwendung im Konzernabschluss verpflichtet. Andere Unternehmen haben ein Wahlrecht zwischen HGB und IFRS. Die meisten mittelständischen Firmen bleiben beim HGB aufgrund der geringeren Komplexität und Kosten.

Können Unternehmen zwischen HGB und IFRS wechseln?

Grundsätzlich ja, aber ein Wechsel ist mit erheblichem Aufwand verbunden. Die Vergleichszahlen müssen angepasst werden, und die Bilanzpolitik muss konsistent angewendet werden. Häufige Wechsel sind nicht zulässig und würden die Vergleichbarkeit beeinträchtigen.

Welcher Standard führt zu höheren Gewinnen?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten. IFRS können durch Fair-Value-Bewertungen zu höheren, aber auch volatileren Gewinnen führen. HGB-Abschlüsse sind konservativer und zeigen oft niedrigere, dafür stabilere Ergebnisse durch das Vorsichtsprinzip und Bildung stiller Reserven.

Sind IFRS-Abschlüsse immer aussagekräftiger?

Nicht unbedingt. IFRS bieten mehr Details und aktuelle Bewertungen, können aber auch komplexer und schwerer verständlich sein. HGB-Abschlüsse sind oft übersichtlicher und fokussieren auf die wesentlichen Informationen, was je nach Nutzerkreis vorteilhafter sein kann.

Wie wirken sich die Standards auf Steuern aus?

In Deutschland gilt das Maßgeblichkeitsprinzip nicht mehr vollständig. Die Steuerbilanz orientiert sich weiterhin am HGB, während IFRS-Abschlüsse für steuerliche Zwecke angepasst werden müssen. Dies kann zu zusätzlichem Aufwand bei der Steuererklärung führen.

Die Entscheidung zwischen HGB und IFRS prägt die gesamte Finanzberichterstattung eines Unternehmens nachhaltig. Während IFRS internationale Vergleichbarkeit und detaillierte Informationen bieten, punktet das HGB mit Praktikabilität und bewährten Grundsätzen. Für dich als angehende Fachkraft ist es entscheidend, beide Systeme zu verstehen – denn in der Praxis wirst du mit beiden konfrontiert werden. Die Zukunft gehört wahrscheinlich einer intelligenten Kombination beider Ansätze, die sowohl internationale Standards als auch bewährte deutsche Traditionen der Rechnungslegung berücksichtigt.

Letzte Aktualisierung:

📤 Artikel teilen

100 Buchungssätze mit Lösungen PDF

Trage deine E-Mail-Adresse ein und erhalte sofortigen Zugang zum PDF

Mit deiner Anmeldung stimmst du unseren Datenschutzbestimmungen zu.